Auto-Experte Stefan Bratzel im Gespräch mit Finanzjournalistin Birgit Wetjen

Durchblick
Kampf um das Auto der Zukunft

Prof. Dr. Stefan Bratzel

ist Gründer und Direktor des unabhängigen Forschungsinstitutes Center of Automotive Management (CAM) an der Fachhochschule Bergisch Gladbach.

E-Mobilität, autonomes Fahren, Carsharing: Die Autoindustrie steht vor einem dramatischen Umbruch. Wie sieht die Zukunft der Mobilität aus, und halten deutsche Hersteller Schritt? Antworten gibt Professor Stefan Bratzel.

compass: Herr Professor Bratzel, Tesla machte im vergangenen Jahr bei einem Umsatz von 7 Milliarden US-Dollar Verluste. Ford setzte 140 Milliarden US-Dollar um und verdiente 4,6 Milliarden US-Dollar. Dennoch ist Tesla an der Börse mehr wert als Ford. Läuft da etwas schief?
Prof. Dr. Stefan Bratzel: Das zeigt doch vor allem, dass sich die Auto- branche in einer Riesentransformation befindet. Tesla ist offensichtlich in einer zu- kunftsträchtigen Sparte unterwegs – und Anleger trauen Tesla zu, die Welt nachhaltig zu verändern.

compass: Obwohl das Unternehmen 2016 einen Verlust von knapp 675 Millionen US-Dollar eingefahren hat?
Prof. Dr. Stefan Bratzel: Ein Investment in den Elektroautopionier ist eine Wette auf die Zukunft. Und die sehen Anleger positiv. Das Modell 3 ist noch nicht einmal auf dem Markt, aber es wurden bereits 400.000 Autos vorbestellt, und jeder Kaufinteressent war und ist bereit, 1.000 US-Dollar Anzahlung zu leisten. Mit dem Mittelklassefahrzeug könnte Tesla der Sprung zum Massenhersteller gelingen – das Modell 3 wird also zum Lackmustest werden.

compass: In Deutschland kommt die E-Mobilität nicht in Schwung. Die Kaufprämie wird kaum abgerufen. Reichen die Maßnahmen der Regierung aus?
Prof. Dr. Stefan Bratzel: Wenn wir ein Nachfrageproblem hätten, würden weitere Anreize zu höheren Absätzen führen. Aber wir haben eher ein Angebotsproblem. Die Fahrzeuge entsprechen noch nicht den Bedürfnissen der Konsumenten. Das betrifft Reichweiten, Infrastruktur und den Preis. Eine Technologie kann sich nicht durchsetzen, solange sie psychische Probleme auslöst.

compass: Psychische Probleme durch E-Mobilität? Wie das?
Prof. Dr. Stefan Bratzel: Die Bürger haben Angst, dass sie ihr Ziel nicht erreichen, dass sie keine Ladestationen finden und ihnen unterwegs im wahrsten Sinne des Wortes der Saft ausgeht. Und das zu Recht.

compass: Die Reichweiten steigen, 400 bis 500 Kilometer sind machbar. Und die Anzahl der Ladestationen ist im vergangenen Jahr um 50 % gestiegen.
Prof. Dr. Stefan Bratzel: Ja, das klingt gut. Aber die Realität sieht noch anders aus. Ich habe versucht, an einem Wochenende mit einem Renault Zoe mit Normreichweite von 400 Kilometern von Bergisch Gladbach nach Leiden zu fahren. Das sind knapp 260 Kilometer. Doch schon nach der halben Strecke lag die Reichweite der Batterie nur noch bei 90 Kilometern. Wir sind zwei Ladestationen angefahren – die eine war nur montags bis freitags geöffnet, bei der anderen hätte man sich vorher anmelden müssen. Auch Kartenzahlung wäre nicht möglich gewesen. Dann haben wir schließlich doch noch eine Station gefunden, mussten eineinhalb Stunden Pizza essen – und sind wieder zurückgefahren. Die angegebenen Reichweiten werden nur erreicht, wenn man deutlich weniger als 100 Stundenkilometer fährt und die Außentemperatur stimmt.

compass: Die Auto Show in Schanghai stand ganz unter dem Motto E-Mobilität. Alles heiße Luft?
Prof. Dr. Stefan Bratzel: Nein, die Automobilbranche befindet sich in der größten Transformation ihrer Geschichte. Der Trend zur E-Mobilität ist nicht aufzuhalten, aber die Technologie wird sich nicht in ein bis zwei Jahren, sondern eher in fünf bis zehn Jahren durchsetzen. Bisher ist ein Auto mit Verbrennungsmotor nicht nur funktionaler, sondern auch deutlich günstiger. Erst 2020 bis 2023 werden sich die Kostenkurven schneiden.

Prof. Dr. Stefan Bratzel

© Lemrich

„Man sollte nicht den Fehler machen, die deutsche Industrie zu unterschätzen.“

Prof. Dr. Stefan Bratzel

Deutsche Automobilbauer
haben massiv in Forschung und Entwicklung investiert. VW gab 13,7 Milliarden Euro aus, Daimler 7,6 Milliarden Euro und BMW 5,2 Milliarden Euro.
Quelle: Geschäftsberichte für 2016

compass: Die deutschen Hersteller haben viel Geld in die Weiterentwicklung des Verbrennungsmotors investiert. Haben sie den Trend zur E-Mobilität verschlafen?
Prof. Dr. Stefan Bratzel: Tatsächlich wurde der Bedarf lange nicht gesehen, auch deshalb, weil die Absatzzahlen weltweit stets gestiegen sind und sich am Verbrennungsmotor viel Geld verdienen ließ. Im Bereich E-Mobilität hinkt Deutschland deshalb Unternehmen wie Tesla oder dem chinesischen Anbieter BYD noch hinterher. Aber man sollte auch nicht den Fehler machen, die deutsche Industrie zu unterschätzen. Inzwischen investieren Daimler, VW und BMW massiv in Forschung und Entwicklung.

compass: Die deutsche Automobilindustrie ist ein wichtiger Pfeiler der deutschen Wirtschaft. Vor welchen Herausforderungen steht die Branche?
Prof. Dr. Stefan Bratzel: Elektroantriebe und Digitalisierung ermöglichen branchenfremden Anbietern einen Markteintritt – das hat es in den vergange- nen 60 Jahren nicht gegeben. Die Marktmacht deutscher Anbieter, die durch Knowhow im Bereich Verbrennungsmotoren entstanden ist, ist auch im Premiumsegment kein Selbstläufer mehr. Tesla hat es geschafft, sich in dieses Segment zu drängen. Und auch in China sind viele neue Player am Start. Dazu kommt, dass neben der Elektromobilität zwei weitere Entwicklungen die Mobilität revolutionieren werden: das autonome Fahren und der Trend zum Carsharing sowie der Nutzung von Fahrdiensten, also die Abkehr vom Besitz.

compass: Sind die deutschen Anbieter auf diese Entwicklungen vorbereitet?
Prof. Dr. Stefan Bratzel: Im Bereich E-Mobilität ist der Rückstand aufzuholen. Bei Fahrassistenzsystemen, der Vorstufe zum autonomen Fahren, sind die deutschen Anbieter und ihre Zulieferer wie Bosch oder Continental dagegen schon heute richtig gut. Aber die Abkehr vom Besitz birgt die Gefahr, dass die Produzenten den Kontakt zu ihren Kunden verlieren. Es wird also darauf ankommen, eine Plattform beziehungsweise Kundenschnittstelle für Mobilitätsdienste zu entwickeln.

compass: Wie könnte das aussehen?
Prof. Dr. Stefan Bratzel: Da ist einiges vorstellbar. Anstatt im eigenen Auto durch die Stadt zu fahren und nach knappem Parkraum zu suchen, könnte man sich per App von einem Robotertaxi abholen lassen – je nach Wunsch mit Massage, einem gewählten Essen oder einem gewünschten Unterhaltungsprogramm an Bord. Auch Mobilitäts-Abos wären denkbar, für die man monatlich bezahlt und mit denen man unterschiedliche Verkehrsträger nutzen kann. Der verstorbene Exbundeskanzler Helmut Schmidt hat einmal gesagt: Wer Visionen hat, der sollte zum Arzt gehen. Ich würde sagen: Wer keine Visionen hat, muss zum Arzt. Autohersteller müssen zu Mobilitätsdienstleistern werden, wenn sie zukünftig Geld verdienen wollen.

compass: Das Google-Auto fährt bereits im Testbetrieb, Apple arbeitet am Apple Car, und Uber experimentiert mit fliegenden Robotertaxis. Werden traditionelle Autobauer künftig noch gebraucht?
Prof. Dr. Stefan Bratzel: Ich glaube nicht, dass Google oder Apple zukünftig eigene Autos bauen werden. Zum einen können das die etablierten Autobauer besser, zum anderen sind die Margen vergleichsweise gering. Aber tatsächlich dürfte es in den kommenden zehn Jahren zu einem veritablen Kampf der Welten zwischen der Autoindustrie und den digitalen Playern kommen. Während die Automobilhersteller bisher vor allem vom Verkauf sowie der Reparatur von Autos leben, zielen die digitalen Player auf zusätzliche Erlösmöglichkeiten. Gelingt es, durch kommerzielle Dienstleistungen rund um das Fahrzeug nur 1 Euro pro Stunde zu generieren, summiert sich das Umsatzpotenzial weltweit auf 500 Milliarden Euro im Jahr – bei geringen Grenzkosten und hohen Renditen. Es wird also spannend werden, ob es die etablierten Anbieter mit attraktiven Mobilitätsservices schaffen, sich auch in diesem Markt zu etablieren.

compass: Deutsche Premiumanbieter arbeiten äußerst profitabel, sie zahlen attraktive Dividenden, und ihre Aktien sind günstig bewertet. Würden Sie Aktien von Daimler, BMW oder VW kaufen?
Prof. Dr. Stefan Bratzel: Ich möchte keine Aktienempfehlung geben. Was ich sagen kann: Die deutschen Anbieter sind nach wie vor zukunftsträchtige Unternehmen, die die Zeichen der Zeit erkannt haben. Ob sie den Kampf der Welten am Ende gewinnen können, wird sich in den kommenden Jahren zeigen.

Auto-Experte Stefan Bratzel im Gespräch mit Finanzjournalistin Birgit Wetjen
© Lemrich

Mobilitätskonzepte gefragt
Auto-Experte Stefan Bratzel im Gespräch mit Finanzjournalistin Birgit Wetjen.