Großbritannien
Der Druck wächst

Die Brexit-Verhandlungen haben begonnen. Unternehmen fordern Klarheit über den Kurs.

Der Druck wächst. Hatte die britische Premierministerin Theresa May noch Anfang des Jahres selbstbewusst erklärt, notfalls ohne Einigung aus der EU ausscheiden zu wollen, bekommt sie nun zunehmend Gegenwind zu spüren. Von den Bürgern der Insel - 61 % der Briten waren Anfang August unzufrieden mit der Strategie der Premierministerin, so das Beratungsunternehmen ORB International, das regelmäßig das „Brexit-Vertrauen“ („Brexit Confidence“) der Briten misst. Im Juni noch hatte der Wert bei 46 % gelegen. Zunehmend unzufrieden äußern sich auch Vertreter der Wirtschaft. „Was soll ich auf einen Übergangsdeal warten, der mir im Februar 2019 angeboten wird. Dann habe ich mein Geld für die Geschäftsverlagerung lange ausgegeben", warnt Richard Gnodde, Chef von Goldman Sachs International in London.

Unsicherheit drückt die Stimmung

Mehr als ein Jahr ist es her, dass die Briten per Referendum für einen Ausstieg aus der EU votiert hatten. Nach der Schlappe bei den von May selbst initiierten vorgezogenen Neuwahlen hat ihre konservative Partei die absolute Mehrheit im Unterhaus und damit auch die Rückendeckung für einen harten Brexit-Kurs verloren. Zum Auftakt der Scheidungsgespräche jedenfalls waren Brexit-Minister David Davis und EU-Chefunterhändler Michel Barnier auf Schmusekurs. Die Rednerpulte wurden gar dichter aneinander gerückt, um zu verkünden, dass man sich auf einen Zeitplan für die anstehenden Verhandlungen geeinigt habe.

Indes kommen Zweifel auf, ob der Zeitplan für den EU-Austritt einzuhalten sei, der bis Frühjahr 2019 vollzogen sein sollte. Der britische Handelsminister Liam Fox jedenfalls erwartet, dass es der Regierung in London kaum gelingen werde, bis dahin ein weitreichendes Freihandelsabkommen mit der EU zu vereinbaren. Eine mehrjährige „Übergangs- und Implementierungsphase“ könne notwendig sein – und sie ist wahrscheinlicher geworden. Denn die britische Regierung hat Brüssel nun eine zeitlich begrenzte Zollunion vorgeschlagen, die nach dem Ausscheiden aus der EU für klare Handelsregeln sorgen soll.

Verhandlungen laufen

Die EU will den britischen Vorschlag bis zum Beginn der zweiten Verhandlungsrunde Ende August prüfen. Dann kommen auch die für Brüssel maßgeblichen Themen erneut auf den Tisch: das Bleiberecht der EU-Bürger auf der Insel sowie die Austrittsrechnung, die Brüssel dem scheidenden Partner offerieren dürfte. Unter dem Strich ist von Forderungen in einer Größenordnung zwischen 60 und 100 Milliarden Euro die Rede, Kosten, die sich aus Zusagen zu lang laufenden gemeinsamen Projekten sowie Beamtenpensionen ergeben. Premierministerin Theresa May hat auch hier Kompromissbereitschaft signalisiert – Großbritannien wäre bereit, 40 Milliarden Euro zu übernehmen. Ob das den Partnern der EU reicht, wird sich zeigen. Dass sich die Briten verhandlungsbereit zeigen, dürfte kein Zufall sein. Die Wirtschaft auf der Insel zeigt erste Bremsspuren. Unternehmen wandern ab, die Fluggesellschaft easyJet verlegt ihren Sitz zum Beispiel nach Österreich. Vor allem aber ziehen sich wichtige US-amerikanische und japanische Finanzinstitute aus der Londoner City zurück. Einer der Profiteure könnte Frankfurt werden. Bereits 15 Banken, so der hessische Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir, hätten bereits zugesagt, ihre Europaabteilungen in der deutschen Finanzmetropole auf- oder deutlich auszubauen.

Ein harter Brexit dürfte dem Finanzplatz London einen heftigen Schlag versetzen. Bis zu 40.000 Arbeitsplätze könnte die Metropole nach einer neuen Studie des Beratungsunternehmens Oliver Wyman verlieren. Bei einem weichen Brexit, so die Berater, seien nur 3000 bis 4000 Arbeitsplätze in Gefahr.

„Industrie und Unternehmen haben keine Planungssicherheit“, sagt Carsten Roemheld, Kapitalmarktstratege bei Fidelity International. Als Reaktion halten Investoren Investitionen zurück. An den Devisen- und Kapitalmärkten könnte es stürmisch bleiben. Seit dem Referendum vor gut einem Jahr hat die Inselwährung gegenüber dem Euro deutlich an Wert verloren. Ausländische Unternehmen können die Währungseffekte über Preisanhebungen kompensieren. Nicht so Unternehmen, die importieren und auf der Insel verkaufen. Auch die Verbraucher bekommen die steigenden Preise im Portemonnaie zu spüren. Sie müssen reale Einkommensverluste verkraften – mit Folgen für das Konsumklima. Die Konjunkturerwartungen der Briten waren im zweiten Quartal so niedrig, wie sonst nirgendwo in Europa. Auch die Einkommenserwartungen sind laut GfK seit Juni 2016 um mehr als 21 Zähler auf minus 2 Punkte gefallen.

Das schwache Investitions- und Konsumklima gilt als Vorbote für eine wirtschaftliche Talfahrt. David Docherty, Fondsmanager für britische Aktien bei Schroders, erwartet deshalb eine Flucht in robuste britische Unternehmen, die Gewinne im Ausland erwirtschaften. Stark konjunkturabhängige, heimische Konsumgüterunternehmen wie Einzelhandelsunternehmen mit breitem Sortiment könnten nach seiner Einschätzung dagegen unter einem schwächer werdenden Pfund zu leiden haben. „Wechselkursveränderungen wirken sich auf ihre Gewinn-Margen und die real verfügbaren Einkommen ihrer Kunden aus“, so Docherty. „Inländische Finanztitel wie Aktien von Banken, Wohnungsbau- und sonstigen Immobilienunternehmen könnten ebenfalls nachgeben.”

Hoffen auf weichen Brexit

Für Exporteure aus den EU-Mitgliedsstaaten und vor allem aus Deutschland könnte sich eine Abkehr von der harten Lösung als Vorteil erweisen. Für deutsche Unternehmen ist Großbritannien nach den Vereinigten Staaten und Frankreich der wichtigste Absatzmarkt – sie haben im vergangenen Jahr Güter im Wert von 86 Milliarden Euro auf der Insel verkauft. „Insbesondere die deutsche Automobilindustrie könnte von einer Einigung ohne Handelshemmnisse profitieren“, glaubt Axel-Adrian Roestel, Leiter Portfoliomanagement bei der Münchner Huber, Reuss & Kollegen Vermögensverwaltung.

Der Druck auf Regierungschefin May wächst. Dass die Briten ohne Vertrag aus der EU ausscheiden werden, glaubt Roestel nicht. „Das würden die Wähler bei der nächsten Wahl abstrafen“, ist der Portfoliomanager überzeugt. Er empfiehlt Anlegern, Ruhe zu bewahren und ihren Blick verstärkt auf Unternehmensergebnisse und Konjunkturdaten zu richten. „Und da sieht es aktuell sehr gut aus.“ So seien die Gewinne der Unternehmen in den USA und Europa in den ersten beiden Quartalen deutlich angestiegen.

Aktien unterliegen Kursschwankungen, damit sind Kursverluste möglich. Die frühere Wertentwicklung ist kein verlässlicher Indikator für die zukünftige Wertentwicklung. Die Beschreibung der Wertpapiere stellt keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung dar. Die Darstellung gibt nicht die Meinung der comdirect wieder. Sie dient ausschließlich der Information und stellt keine Anlageempfehlung dar. Stand: 16.08.2017; Quelle: comdirect.de