Börsen-Giganten
Groß & Hungrig

Niedrigzinsen, volle Unternehmenskassen und disruptive Technologien: Das ist der Mix, der zu Innovation und Größe zwingt. compass sagt, was Anleger im neuen Zeitalter bei der Geldanlage beachten müssen.

Es ist eine Zahl mit 13 Ziffern: Gut 4 Billionen US-Dollar waren die zehn größten Unternehmen Ende 2016 an der Börse wert – umgerechnet mehr als das Elffache des Bundeshaushaltes 2017; und mehr als das Dreifache des Börsenwertes aller DAX-30-Unternehmen. Allein die amerikanischen Technologiekonzerne Apple und Alphabet sind Aktienanlegern fast genauso viel wert wie die komplette erste Liga der deutschen Wirtschaft.

Die Großen werden größer und größer. Sie kaufen junge Start-ups und auch Wettbewerber auf. Zudem sind Technologiekonzerne dabei, klassische Handels- und Industrieunternehmen von den Top-Positionen der Liste der wertvollsten Unternehmen zu verdrängen. „Das Bruttoinlandsprodukt ist leichter geworden“, fasst Hendrik Leber, Chef der Acatis Investment GmbH und Manager des Acatis Aktien Global Fonds (WKN 978174), die Entwicklung zusammen. „Denn Wertzuwachs wird nicht mehr nur durch physische Waren, sondern verstärkt durch Software und immaterielle Werte erzielt.“

Die neue Leichtigkeit hat Auswirkungen für Investoren. Klassische Bewertungsverfahren gelten kaum noch. Unternehmen, die über Jahre Millionenverluste verbuchen, sind an der Börse zum Teil astronomisch hoch bewertet. Selbst manche Hinterhoffirma mit einem guten Dutzend Angestellter wird schon lange vor dem Börsengang auf etliche Milliarden US-Dollar taxiert. Und Apple, Alphabet wie auch Microsoft horten so hohe Cash-Reserven, dass sie nahezu jedes vielversprechende Jungunternehmen aufkaufen könnten. Geraten klassische Industrien ins Hintertreffen? compass hat erfahrene Geldmanager nach ihrer Einschätzung gefragt. Sie verraten, wie sie sich auf die massiven Veränderungen einstellen, und erklären, was Anleger bei der Geldanlage beachten sollten.

Börsen-Giganten

„Ein Trend zur Größe besteht definitiv“, sagt Gerd Häcker, Partner der Steinbeis & Häcker Vermögensverwaltung GmbH. Unternehmen sitzen auf vollen Kassen, dazu ist Fremdkapital dank Niedrigzinsen günstig. Wohin also mit dem Geld? „Die Kapazitäten sind weltweit nicht ausgelastet“, so Häcker. „Für Unternehmen ergibt es deshalb mehr Sinn, durch die Übernahme von erfolgreichen Unternehmen zu wachsen, als in den Ausbau der Kapazitäten zu investieren.“ So hat der belgisch-amerikanische Bierbrauer Anheuser-Busch im vergangenen Jahr den britisch-südafrikanischen Konkurrenten SAB Miller für 124 Milliarden US-Dollar übernommen. Der Telekommunikations- anbieter AT&T hat unter dem Strich knapp 109 Milliarden US-Dollar für Time Warner gezahlt. Und Bayer hat den Saatgutproduzenten Monsanto für 66 Milliarden US-Dollar gekauft.

Größe schafft Marktmacht. Größe allein genügt jedoch nicht, denn die Struktur der Wirtschaft verändert sich rasant. Der neue US-Präsident Donald Trump beherrscht die Medien und beschäftigt weltweit Ökonomen und Analysten, die über die Auswirkungen seiner Politik spekulieren. „Im Vergleich zu den wirklich großen Entwicklungen in den Technologiebranchen aber schrumpft die Macht des vermeintlich wichtigsten Mannes der Welt auf Zwergenniveau“, ist Sven Gábor Jánszky, Chef der Leipziger Denkfabrik 2b Ahead Think Tank überzeugt. Ob künstliche Intelligenz, Industrie 4.0, Gentechnologie, Elektromobilität oder autonomes Fahren: Die bevorstehenden Transformationen, so der Zukunftsforscher, seien gewaltig.

Wettlauf um Innovationen

Mit der Digitalisierung werden klassische Geschäftsmodelle auf den Prüfstand gestellt – eine Entwicklung, die sich durch nahezu alle Branchen zieht. Der Internet-Riese Amazon etwa übernimmt die weltgrößte Bio-Supermarkt-Kette Whole Foods für 13,7 Milliarden US-Dollar – und dürfte dem Einzelhandel damit das Fürchten lehren. „Kein Vorstand kann es sich leisten, kein Konzept zur Digitalisierung vorzulegen“, weiß Vermögensverwalter Häcker. Industrie, Handel und Serviceanbieter bekommen die Konkurrenz der Innovatoren längst zu spüren. Wal-Mart, mit rund 11.500 Filialen weltgrößter Einzelhändler, hat 2016 erstmals seit Jahren ein Umsatzminus verzeichnen müssen – und mit dem Kauf der Online-Plattformen Jet.com und Shoebuy reagiert. Auch der frühere Mischkonzern General Electric hat einen Strategiewechsel vollzogen. Innovative Unternehmen werden aufgekauft, und deren Technologien werden mit bestehenden Geschäftsfeldern kombiniert.

Im Wettlauf um Innovationsführerschaft sind die Giganten in der Poleposition. Apple verfügt über Barreserven in Höhe von fast 230 Milliarden US-Dollar. Gelingt kein großer Sprung mit neu entwickelten Produkten, bleibt Spielraum, Innovation einfach dazuzukaufen. Der E-Auto-Pionier Tesla sowie der Streaming-Dienst Netflix gelten unter Analysten als mögliche Kandidaten.

Alphabet verdient sein Geld vor allem mit der Suchmaschine Google. Der Konzern, zu dem auch Android und Youtube gehören, hat mehr als 86 Milliarden US-Dollar an Cash und liquiden Vermögenswerten angehäuft und ist über Google Capital und Google Ventures an zahlreichen Technologieunternehmen aus unterschiedlichen Sparten beteiligt. Microsoft dagegen „hat die Lufthoheit über Schreibtische und Büros“, wie Hendrik Leber es formuliert. Die klare Fokussierung auf die zahlungskräftige und wenig preissensitive Zielgruppe der Business-Kunden sorgt für stabile Erträge. Zudem ist Microsoft auch im Cloud-Segment gut aufgestellt. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete der Konzern 25,04 Milliarden US-Dollar mit der Cloud, fast 30 % des Umsatzes.

 

Umsatzstark: die Giganten

 NameWKNArt
1.Apple865985Computer-Hardware
2.AlphabetA14Y6FInternet
3.Microsoft870747Software
4.Amazon906866Internetkommerz
5.FacebookA1JWVXInternetservice
Innovations- und wachstumsstark: Mit diesen Börsengiganten können Anleger auf die Zukunft setzen.
Auswahl: Technologieunternehmen unter den Top Ten der wertvollsten Unternehmen nach Marktkapitalisierung. Aktien unterliegen Kursschwankungen; damit sind Kursverluste möglich. Die frühere Wertentwicklung ist kein verlässlicher Indikator für die zukünftige Wertentwicklung. Die Beschreibung stellt keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung dar. Die Darstellung gibt nicht die Meinung von comdirect wieder. Sie dient ausschließlich der Information und stellt keine Anlageempfehlung dar. Stand 09.08.2017; Quelle: comdirect.de

Facebook dagegen ist vorwiegend auf das Freizeitvergnügen abonniert – mit weltweit 1,8 Milliarden Nutzern. „Wenn es gelingt, mit Werbung Geld zu verdienen, kann man das Potenzial als Investor nicht ignorieren“, sagt Häcker, der Bewertungsaufschläge nur bei Unternehmen mit dominanter Marktposition akzeptiert. Amazon etwa wird zum mehr als 100-Fachen des erwarteten Gewinnes für das laufende Jahr gehandelt. Zu teuer? „Die könnten Gewinne machen, ziehen es aber vor, jeden Cent in zukünftiges Wachstum zu investieren“, ist er überzeugt. Amazon, einst als Online-Buchhändler gestartet, ist heute die Nummer eins im Online-Handel – mit guter Marktstellung als Plattformanbieter und mit wachsendem Abo-Geschäft. Analysten des Investmentunternehmens Cowen and Company schätzen, dass es allein in den USA rund 49 Millionen Prime-Kunden gibt, die nicht nur für ihre Mitgliedschaft zahlen, sondern die auch treue Shopping-Kunden sind.

Umsatz von Amazon weltweit vom ersten Quartal 2007 bis zum vierten Quartal 2016 in Milliarden US-Dollar. Quelle: Amazon

Wie gemalt: Der Umsatz von Amazon wächst

Alternativen im Blick

Das asiatische Pendant zu Alphabet heißt Baidu, das Pendant zum Online-Händler Amazon ist die chinesische Alibaba – „ganz China in einem Papier“, sagt Thomas Rappold, Geschäftsführer der I & S Internet & Security Consulting GmbH und Autor des Buches „Silicon Valley Investing“. Und Alibaba hat noch ein Ass im Ärmel: Analysten spekulieren, dass der Bezahldienst Alipay abgespalten und an die Börse gebracht wird – als Konkurrent zum US-Anbieter Paypal.

Dem Wandel der Wirtschaft können sich Investoren nicht entziehen. Aber nicht immer sind es nur die Supergiganten, auf die sie setzen. Value-Investor Hendrik Leber schaut auf Preis und Erträge und zieht das US-Unternehmen Priceline dem Giganten Amazon vor. „Die Wachstumsraten sind gleich hoch, und es ist deutlich günstiger“, so Leber, der im Goldrausch lieber in Schaufeln als in die Goldgräber investieren möchte. Der Halbleiterproduzent Nvidia, der Automobilzulieferer Magna, der Chipproduzent Infineon oder auch Continental sind für Leber solche Schaufeln. Sie arbeiten profitabel, und ihre Produkte werden im technologischen Wandel von vielen Abnehmern gebraucht.

Technologiespezialist Thomas Rappold hat Geschäftsfelder und Innovationsführer im Blick. Im wachsenden Cloud-Geschäft sieht er neben IBM auch SAP gut aufgestellt – „drei Viertel aller Transaktionen im Inter­net haben Berührungspunkte mit SAP“. Zudem hat SAP im vergangenen Herbst mit der Übernahme des auf Big Data speziali­sierten US­-Start­ups Altiscare in ein weiteres Zukunftsgeschäft investiert.

 

Dynamisch: die Tech-Spezialisten

 NameWKNArt
1.BoxA110YGIT-Services/Cloud
2.Intuit886053Software
3.AtlassianA2ABYASoftware
4.AristaA11099IT-Services/Cloud
5.NutanixA2ACQESoftware/Cloud
Innovationen im Wachstumssegment Software und Cloud: Risikofreudige Anleger können auf junge Spezialisten setzen.
Auswahl: Favoriten von Finanzberater Thomas Rappold, Geschäftsführer der I & S Internet & Security Consulting GmbH und Autor des Buches „SiliconValley Investing“. Aktien unterliegen Kursschwankungen; damit sind Kursverluste möglich. Die frühere Wertentwicklung ist kein verlässlicher Indikator für die zukünftige Wertentwicklung. Die Beschreibung stellt keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung dar. Die Darstellung gibt nicht die Meinung von comdirect wieder. Sie dient ausschließlich der Information und stellt keine Anlageempfehlung dar. Stand 09.08.2017; Quelle: comdirect.de

Schnellboote mit Schwung

Potenzial sieht der Technologieexperte auch bei Unternehmen der zweiten oder dritten Reihe, die auch in das Beuteschema der Giganten passen. Software-­Spezialis­­ten wie Atlassian oder Intuit („eine kleine SAP“), Cloud-Spezialisten wie Arista, Nuta­nix oder Box gehören zu seinen Favoriten. Box etwa ist auf die Ablage und Verwaltung von Dokumenten in der Cloud spezialisiert – ein stark wachsender Markt. Das Unter­nehmen wachse um 30 % p. a, erwirtschafte positive Cashflows und habe mit Microsoft einen starken Partner. „Mir fallen gleich fünf Unternehmen ein, die Box bereits überneh­men wollten“, sagt Rappold.

Die Übernahmewelle könnte weiter Fahrt aufnehmen. „Technologieanbieter sind auf der Kaufliste der großen Tech­Unternehmen und auch der klassischen Industrie“, so Rappold. Der Innovationswettbewerb ist längst entbrannt, denn wer es schafft, in den Zukunftsfeldern den Standard zu setzen, hält die Konkurrenz aufgrund hoher Markt­ zugangsbarrieren auf Distanz. „Die großen Tech­Unternehmen haben inzwischen jedes kleine Pflänzchen aus dem Bereich künst­liche Intelligenz aufgekauft“, sagt Thomas Rappold. „Start­ups kommen nicht einmal mehr dazu, ihre Produkte bis zur Marktreife zu entwickeln.“

Umsatz in Milliarden US-Dollar (gerundet); *2016 prognostiziert. Quelle: Gärtner 2016

Cloud Computing weltweit auf Wachstumskurs

Schwer angreifbar

Für Übernahmen greifen die Giganten tief in die Taschen. „Es werden irre Preise gezahlt – wie auch vor dem Platzen der Internetblase“, sagt Häcker und verweist auf die Folgen. „Aus meiner Sicht ist das zu ris­kant.“ Er investiert bevorzugt in Unterneh­men, die Sachwerte besitzen und Cashflows generieren, etwa den schwedischen Papier­-Spezialisten Holmen oder Fraport – „die Geschäftsmodelle sind schwer angreifbar“. Auch Value­-Investor Leber hat die Haltbarkeit von Geschäftsmodellen im Blick und sucht nach Unternehmen, deren Produkte auch im digitalen Zeitalter unabdingbar sind. Ein Leitgedanke der Investoren: Ist ein Investment seinen Preis auch wert? Das aber stellt sich oft erst Jahre später heraus. Als Google 2006 für den Videokanal Youtube 1,6 Milliarden US­Dollar zahlte, lautete das einhellige Urteil der Analysten: für ein Unternehmen mit 15 Millionen US­-Dollar Jah­resumsatz viel zu teuer. Doch rückblickend hat sich der Kauf als Glücksgriff erwiesen, die Investition hat sich längst ausgezahlt.

„Menschen überschätzen, mit welcher Geschwindigkeit Innovationen realistisch umzusetzen sind. Und sie unterschätzen, was sich binnen zehn Jahren verändern wird“, glaubt Lars Thomsen, Chef der future matters AG. Gerne illustriert er das am Beispiel von Popcorn: 30 Sekunden passiert nichts – die Überoptimisten werden nervös. Nach 90 Se­kunden ohne Reaktion sind die Pessimisten sicher, dass nichts mehr passiert. Und dann macht es plopp: Aus harten Maiskörnern ist bei der richtigen Temperatur ein leckerer Maissnack geworden. Zukunftsforscher nennen diesen Plopp „Tipping Point“ – der Moment also, an dem Innovation sich durch­setzen wird.

 

Fonds und ETFs im Blick

 NameWKNAA reg./comdirect
1.Fidelity Funds Global Technology Fund9218005,25 %/2,625 %
2.DNB Fund – TechnologyA0MWAN5,0 %/3,75 %
3.Threadneedle Lux Global TechnologyA1CU1W5,0 %/0,0 %
4.Lyxor ETF MSCI World Information TechnologyLYX0GPTop-Preis ETF
5.Lyxor ETF NASDAQ-100541523Top-Preis ETF
Technologie breit gestreut: Mit aktiv gemanagten Fonds oder ETFs können Anleger von der Entwicklung des gesamten Sektors profitieren.
Auswahl: Technologiefonds mit mindestens fünf Morningstar-Sternen, nach Fünf-Jahres- Wertentwicklung; ETFs: sparplanfähig und Top-Preis ETFs. Aktien, Fonds und ETFs unterliegen Kursschwankungen; damit sind Kursverluste möglich. Bei Wertpapieren, die in ausländischer Währung notieren, bestehen zudem Währungsrisiken. Die Beschreibung derWertpapiere stellt keine Kauf- oderVerkaufsempfehlung dar.Allein verbindliche Grundlage des Kaufes eines Fonds oder ETF sind die derzeit gültigenVerkaufsunterlagen des Fonds/ETF („Wesentliche Anlegerinformationen“,Verkaufsprospekt sowie Jahres- und Halbjahresberichte, soweit veröffentlicht). Diese Unterlagen, die in deutscher und/oder englischer Sprache vorliegen, erhalten Sie auf der Wertpapier-Detailseite unter www. comdirect.de oder direkt beim Emittenten. Stand 09.08.2017; Quelle: comdirect.de

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