Die neue britische Premierministerin startet mit Vorschusslorbeeren. Zumindest die Börsianer erwarten eine konstruktive Lösung der Brexit-Krise.

Theresa May
Kein Exit vom Brexit

Die neue britische Premierministerin startet mit Vorschusslorbeeren. Zumindest die Börsianer erwarten eine konstruktive Lösung der Brexit-Krise.

Großbritannien ist dieser Tage immer für eine Überraschung gut. Zuerst das Brexit-Votum, dann der Rückzug der Brexit-Befürworter Nigel Farage und Boris Johnson von der großen innenpolitischen Bühne. Schließlich machte auch David Cameron pfeifend einen Rücktritt vom Rücktritt, den er nach dem Brexit-Votum der Briten erst für den Herbst angekündigt hatte. Und auch die neue Premierministerin Theresa May wartete direkt nach Ihrer Ernennung mit einer Überraschung auf, indem sie Boris Johnson zum Außenminister ernannte. Damit unterstrich sie ihre Ankündigung, den Brexit ohne Wenn und Aber zu vollziehen. Zweifel ausgeräumt – das Ende der Unsicherheit also, die Europa in eine Schockstarre zu versetzen drohte?

Zähe Verhandlungen erwartet

Der schnelle Führungswechsel hat zumindest ein Gutes: Der erwartete Machtkampf innerhalb der Regierungspartei ist vom Tisch. Andrea Leadsom, die sich bereits vor dem Referendum für einen Brexit eingesetzt hatte, zog ihre Kandidatur nach fragwürdigen Aussagen und dem daraufhin gewachsenen öffentlichen Druck zurück. Unsicherheit dürfte trotzdem bestehen bleiben. Die neue Regierungschefin will das offizielle Austrittsersuchen nach Paragraf 50 der EU-Verfassung erst einreichen, wenn die Verhandlungsstrategie klar ist und die EU weitgehende Zugeständnisse macht. In Brüssel und Berlin dürfte das nicht auf Gegenliebe stoßen. Rosinenpicken, so Bundeskanzlerin Angela Merkel, sei nicht erwünscht.

Theresa May ist keine Unbekannte: Seit 1997 Abgeordnete, dann Frauenministerin, und ab 2010 Innenministerin. Sie ist bekannt für ihren eigenen Kopf: So hat sie sich auf der einen Seite frühzeitig für die gleichgeschlechtliche Ehe eingesetzt, was nicht jeder ihrer konservativen Parteifreunde goutierte. Auf der anderen Seite positionierte sie sich durch ihre strikte Haltung in der Flüchtlingsfrage als Hardlinerin. Auch einen Seitenwechsel in Sachen Brexit hat sie offenbar unbeschadet überstanden: Anfangs hieß es stets, nur ein Brexit-Befürworter könne die Regierung zukünftig leiten. Die neue Regierungschefin war zunächst Brexit-Gegnerin. Jetzt hat sie klargemacht, dass sie das Votum des Volkes respektiere und es keinen „Exit vom Brexit“ geben wird.

Börsianer setzen auf gütliche Trennung

Mit dieser Haltung sollte May die Partei und das Land nach Einschätzungen der politischen Beobachter durchaus einen. Positiver Nebeneffekt: Die Verhandlungen über die Scheidung zwischen EU und Großbritannien könnten schneller in Gang kommen als ursprünglich erwartet. „Ich habe die Hoffnung, dass Theresa May die Sache kompetent in die Hand nimmt“, sagt Marc Friedrich, Honorarberater und Bestsellerautor („Der Crash ist die Lösung“, „Kapitalfehler“). „Allerdings bin ich davon überzeugt, dass die EU die Verhandlungen und die Scheidung so unattraktiv wie nur möglich gestalten wird, um lauernde Nachahmer abzuschrecken“, so der Ökonom.

Auch wenn harte Diskussionen bevorstehen: Die Börsianer setzen mehrheitlich darauf, dass die Expartner mit May eine gütliche Trennung und konstruktive Lösungen für die zukünftige Zusammenarbeit hinbekommen können. Zwar meint Lukas Daalder, Chief Investment Officer von Robeco Investment: „Die Aktienmärkte sind zu gelassen.  Wie es nach dem tatsächlichen Vollzug des Brexit weitergeht, ist derzeit noch nicht vollständig in die Aktienkurse eingepreist.“ Brexit-Panik etwa hält Marc Friedrich aber für unbegründet. „Weder die Welt noch Großbritannien wird im Meer versinken – wir werden auch zukünftig mit England Handel treiben“, sagt er. Seine Prognose: „Mittel- bis langfristig wird sich alles normalisieren und dann könnte sich der Brexit sogar positiv auswirken – wirtschaftlich für Großbritannien und politisch für die EU, wenn sie die richtigen Lehren aus dem Brexit zieht und gewillt ist, die Demokratie zu stärken.“