Technische Analyse Trends und Widerstände

Serie: Technische Analyse
Trends und Widerstände

Einsteigen, halten oder verkaufen? Die Technische Analyse hilft, Renditepotenzial zu identifizieren und ­Risiken zu begrenzen. In einer vierteiligen Serie zeigt compass, was der Kursverlauf verrät und wie Sie die Analyse für Ihre Anlage­entscheidung nutzen.

Im Juni 2014 war die Börse in Feierlaune. Der DAX, die Erste Liga der börsennotierten Unternehmen in Deutschland, hatte erstmals die 10.000er-Marke geknackt und viele Analysten beschworen goldene Zeiten herauf. Nicht so Christoph Geyer. Spätestens Anfang Juli, der DAX hatte die markante Marke bereits dreimal überschritten, wurde der technische Analyst der Commerzbank skeptisch. Für die Analyse bemühte er keine Bilanzen oder Konjunkturindikatoren. Ein Blick auf den Chart genügte ihm. „Drei Anläufe, ohne dass eine Aufwärtsbewegung folgte, dazu sinkende Tiefs – da braut sich was zusammen.“

Die Börse steigt oder fällt – im Nachhinein ist man immer schlauer. Manch einer hält Charttechnik eher für Kaffeesatzleserei als für eine ernst zu nehmende Analysemethode. Zu Unrecht, meint Geyer. „Wir haben keine Glaskugel und können nicht in die Zukunft gucken, aber wir können Aussagen über Wahrscheinlichkeiten bestimmter Szenarien machen.“

Der Grund liegt in der Natur des Menschen selbst, der aufgrund psychischer Dispositionen in gleichen oder ähnlichen Situationen dazu neigt, gleich oder ähnlich zu reagieren. „Hinter jeder ­Chartformation“, so Geyer, „steckt ein spezifisches Anlegerverhalten.“

Psychofallen umgehen

„Der Mensch ist und bleibt ein Herdentier“, sagt auch Lutz Mathes, Chef des Chartbüros Hans-Dieter Schulz in Darmstadt. Den Beleg liefert der Chart. Die Kurse ziehen an, weil Investoren Renditepotenzial sehen. Viele Privatanleger, die ohne System agieren, lassen sich von Emotionen lenken – aus Angst vor Verlusten warten sie zunächst ab. Sind die Kurse lange genug gestiegen, springen sie schnell noch auf den Zug auf, um die Hausse nicht zu verpassen. Die ­Folge: Das Renditepotenzial ist begrenzt, das Rückschlagrisiko dagegen hoch.

Auch fällt es vielen Anlegern schwer, sich Fehler einzugestehen und sich emotionslos von Verlustbringern zu trennen. Wenn die Kurse fallen, stecken sie den Kopf in den Sand und hoffen, dass es schon wieder werden wird. Erst wenn der Kurs bereits tief gefallen ist, kommt Panik auf. Positionen werden dann mit hohen Verlusten verkauft. „In solchen ­Situationen setzt der Kopf häufig aus, was unter dem Strich zu denkbar schlechten Anlageergebnissen führt“, weiß Geyer. compass erklärt in einer vierteiligen Einsteigerserie, wie Anleger die Analyse von Trends, Formationen, Indikatoren und ­Sentiments dazu nutzen können, Psychofallen zu umgehen.

Gewinnpotenzial erkennen

Technische Analyse Trends und Widerstände
© Karsten Petrat

„Der Chart hilft, Gewinnpotenziale zu identifizieren und Risiken zu kontrollieren“, ist Lutz Mathes überzeugt. Deshalb hat sich die Technik bei den Anlageprofis längst durchgesetzt. Aus nackten Kursverläufen generieren sie Signale für den Kauf oder Verkauf von Wertpapieren. Techniker wie Mathes kommen dabei ganz ohne Bilanzen, Geschäftsberichte und Unternehmenskennzahlen aus. Die Grundannahme: Im Kurs sind immer bereits alle Nachrichten enthalten. Steigt ein Kurs, wollen mehr Investoren kaufen als verkaufen. Die Mehrzahl der Anleger sieht Wachstumspoten­zial. Umgekehrt bedeuten sinkende Kurse: Die Zukunftsaussichten werden von der Mehrzahl der Anleger negativ eingestuft.

Das wichtigste Werkzeug des technischen Analysten sind die Charts selbst, in denen der historische Kursverlauf abgebildet ist. Wann aber wird eine Kursbewegung zum Trend? Grundsätzlich gilt: Ein Aufwärtstrend ist durch die Abfolge steigender Hochs und steigender Tiefs, ein Abwärtstrend durch die Abfolge sinkender Hochs und Tiefs charakterisiert. „Verbindet man zwei Wendepunkte, entsteht nach der klassischen Theorie zunächst nur eine Trendhilfslinie“, erklärt Geyer. „Erst bei drei Berührungspunkten sprechen Chartanalysten von einem Trend.“

Aus den Trendlinien leiten sich Unterstützungen und Widerstände ab. Ein Widerstand markiert die Hochpunkte des Trends, eine Unterstützung ergibt sich aus den Tiefpunkten. Die Trendober- und Trenduntergrenze sollten Anleger im Blick haben. Unterstützungen eignen sich zum Beispiel, um limitierte Kaufaufträge zu platzieren, denn hält die Unterstützung, geht es mit großer Wahrscheinlichkeit ­wieder bergauf. Wird die Unterstützung dagegen durchbrochen, könnte der Kurs bis zur nächsten Unterstützung fallen. Auch Widerstände liefern markante ­Signale. Scheitert der Kurs an einem Wider­stand, sollten Anleger wachsam sein. „­Widerstände werden häufig erst im zweiten Anlauf durchbrochen“, sagt Geyer. Gelingt das nicht, ist es Zeit, Gewinne mitzunehmen. Wird der Widerstand dagegen geknackt, gilt das als Trendbestätigung. Anleger ­bauen dann häufig Positionen auf.

Mit ruhiger Hand agieren

Je nach Betrachtungszeitraum kann sich eine Aktie oder ein Index auch in unter­schiedlichen Trendphasen befinden. Möglich also, dass ein übergeordneter Aufwärtstrend intakt ist, obwohl der kurzfristige Trend gen Süden läuft. Welcher Zeitraum bei der Analyse der richtige ist, hängt von den Zielen des Anlegers ab. „Der analysierte Zeitraum muss zum ­Anlagehorizont passen“, sagt Geyer.
Mithilfe der Charttechnik können Anleger von einem Großteil der Kursveränderung profitieren, nicht aber auf einen Kauf zum niedrigsten Kurs oder einen Verkauf zu Höchstständen hoffen, weil eine Trendwende immer oberhalb des Tiefs und ­unterhalb des Hochs bestätigt wird.

Wer die Signale im Blick hat, muss bei kurzfristigen Rücksetzern nicht gleich die Nerven verlieren, sondern kann ­Gewinne laufen lassen. Und emotionslos verkaufen, wenn ein Trend beendet ist.

Im zweiten Teil der Serie erfahren Sie alles über Trendbestätigungs- und Trendumkehrformationen.

Trendumkehr und Trendbestätigung: Auf klare Signale warten