Nach welchen Kriterien lassen sich interessante Aktien aufspüren?

Serie: Anlagestrategien
Dividende


Nach welchen Kriterien ­lassen sich interessante Aktien ­aufspüren? Auftakt zu einer ­vierteiligen Serie über Auswahlkriterien für die strategische ­Aktienanlage.

Dividenden sind die neuen Zinsen. Seit rund zwei Jahren macht dieser Satz die Runde. Seitdem interessieren sich zunehmend auch konservative Anleger für dividendenstarke Aktien als Ergänzung oder Alternative zu Anleihen. Nahezu 30 Milliarden Euro zahlen die 30 DAX-Unternehmen ihren Aktionären im Frühjahr 2016 aus.

Die durchschnittliche Dividendenrendite im DAX liegt aktuell bei rund 3 % – ein Vielfaches dessen, was deutsche Staatsanleihen an Rendite bringen. Und Dividendenstrategien gehören zu den erprobtesten Anlagestrategien überhaupt. „Langfristig stammt knapp die Hälfte der Erträge von Aktienanlagen aus Dividenden“, so Thomas Schüßler, Manager des DWS Top Dividende, mit mehr als 13 Milliarden Euro Volumen einer der größten europäischen Investmentfonds.

Was ist die Dividende?

Anleger können auf zwei Arten am Unter­nehmenserfolg teilhaben: durch Kurssteigerungen und durch die Dividende. Die Dividende ist dabei so etwas wie die Prämie für den Aktionär, weil er dem Unternehmen Kapital zur Verfügung stellt. Ähnlich dem Zins für Anleihen wird sie meist jährlich ausbezahlt, in Deutschland gewöhnlich im Frühjahr. Der Unterschied zu den Festverzinslichen: Dividende gibt es nur, wenn das Unternehmen auch Gewinne erzielt. Und auch dann zahlen die Unternehmen in der Regel nur einen Teil des Gewinnes an ihre Aktionäre aus. Die Höhe der Dividende schlagen Vorstand und Aufsichtsrat des Unternehmens gemeinsam vor, auf der Hauptversammlung wird von den Aktionären darüber abgestimmt. Damit die Dividende vergleichbar wird, ermitteln Analysten die Dividendenren­dite. Die Formel lautet: Höhe der Dividende geteilt durch den aktuellen Aktienkurs mal 100 %.

Worauf achten Dividendeninvestoren?

Der Blick auf die aktuelle Dividendenhöhe und Dividendenrendite ist ein wichtiger Anhaltspunkt bei der Auswahl von Aktien. Er ist aber bei Weitem kein ausreichendes Auswahlkriterium. Außergewöhnlich hohe Dividendenrenditen über 5 oder 6 % sind sogar eher ein Alarmzeichen. Profis achten deshalb neben der Rendite auf folgende Kriterien:

  • Ausschüttungsquote: Sie zeigt an, wie viel Prozent des Unternehmensgewinnes als Dividende ausgeschüttet werden. Fließt der gesamte Gewinn in die Dividenden, bleibt für Investitionen in Wachstum nichts übrig. Die Folge: Mit steigenden Unternehmensgewinnen (und Ausschüttun­gen) kann kaum mehr gerechnet werden. Profis favorisieren je nach Branche ­Ausschüttungsquoten um 50 %. Sie sollten vom Unternehmen über längere Zeiträume konstant gehalten werden.
  • Stabiles Geschäftsmodell: Geschäftsverlauf und Gewinnentwicklung der Unternehmen müssen eine attraktive Dividende erlauben. Solide Bilanzen und etablierte Geschäftsmodelle sind dafür unverzichtbar. Die Unternehmen sollten auch in konjunkturellen Abschwüngen gute Gewinnmargen erzielen. Deshalb sind für Anleger Marktführerschaft und Preissetzungsmacht wichtige Kriterien. Bei Dividendenperlen wie zum Beispiel der Schweizer Nestlé, die in vielen Dividendenfonds zu finden ist, bleibt in der Regel in Börsenkrisen der Kursverlauf stabiler als bei Durchschnittsaktien.
  • Konstante Dividendenentwicklung: Wichtiger noch als die absolute Rendite ist die Konstanz. Die Dividende sollte niemals ausfallen (wie bei Coca-Cola seit über 100 Jahren nicht), mindestens konstant sein und möglichst sogar regelmäßig steigen. Unternehmen, die diese Bedingungen erfüllen, heißen im Börsenjargon ­Dividendenaristokraten. Nur drei deutsche Unternehmen haben in den vergangenen zehn Jahren ihre Dividende jedes Jahr erhöht. Allerdings haben diese drei (Fuchs Petrolub, Baywa und Fresenius) eher geringe Dividendenrenditen.
Nach welchen Kriterien lassen sich interessante Aktien aufspüren?
© Karsten Petrat

Welche Risiken bergen Dividendenaktien?

„Wer Dividendenaktien allein nach der Höhe der Dividende im Verhältnis zum Aktienkurs auswählt, dürfte auf lange Sicht enttäuscht werden“, erklärt Gerd ­Häcker, Leiter Portfoliomanagement bei der Münchner Vermögensverwaltung Huber, Reuss & Kollegen. Denn für eine steigende Dividendenrendite, also den Anstieg des Quotienten aus Dividende zu Aktienkurs, kann es mehrere Gründe geben – und nicht alle sind positiv.

1. Die Dividende steigt prozentual stark, der Aktienkurs etwas weniger.
Das ist eine durchaus positive Entwicklung. Aktionäre nutzen zwei Renditequellen.

2. Die Dividende steigt, der Aktienkurs bleibt konstant.
Dieser Fall ist relativ selten anzutreffen. Die Rendite der Aktienanlage ist in diesem Fall mit der einer Unternehmensanleihe vergleichbar.

3. Die Dividende stagniert, aber der ­Aktienkurs sinkt.
Einer der dividendenstärksten Werte im DAX war über Jahre hinweg die Deutsche Telekom. Trotzdem verloren Anleger sehr viel Geld mit der Aktie, weil die enormen Kursverluste selbst mit den hohen Dividenden nicht auszugleichen waren.

4. Die Dividende sinkt, aber der Aktienkurs sinkt noch stärker.
Aktionäre der Versorger E.ON und RWE können ein trauriges Lied davon singen. Zwar zahlten die Energieversorger im Vergleich zu ihren Top-Jahren bis 2015 geringere, aber immer noch respektable Dividenden. Der Kurs aber hatte sich noch stärker reduziert. Trotz steigender Dividendenrendite machten Anleger lange Gesichter.

Investments per Fonds oder ETF?

Die Analyse zeigt: Mechanische Auswahl von Aktien nach Höhe der Dividendenrendite reicht nicht aus. Deshalb verzichten viele Anleger auch auf die Einzeltitelauswahl und setzen auf Dividenden-ETFs oder Dividendenfonds. Passiv gemanagte ETFs auf Dividendenindizes (zum Beispiel den DivDAX) konnten in den vergangenen Jahren dem Kursverfall bei dividendenstarken, aber kursschwachen Finanz-, Telekom- oder Energieaktien nicht ausweichen. Aktiven Fondsmanagern ist das besser gelungen. Sie setzen verstärkt auf gewinnstarke Konsumwerte, stabile Pharmakonzerne und auch auf gewinnstarke Technologieaktien wie zum Beispiel Microsoft, die in den vergangenen Jahren ihre Dividenden deutlich angehoben haben.