compass Serie: Fakten und Mythen zur Börse

Mythen & Wahrheiten
Die Börse – Ort der Spekulation?

Wenn es ums Geld geht, sind Menschen anfällig für Mythen. Das gilt besonders für die Börse. Neuroökonomen wissen: je komplexer der Sachverhalt, desto eher reagieren Menschen aus dem Bauch ­heraus. Schwanken die Aktienkurse, bleibt so vor allem das Bild eines Kasinos. Gewinne machen nur die Reichen – für alle anderen heißt Börse Risiko. compass nimmt gängige Mythen in einer neuen Serie unter die Lupe. Was stimmt und was gehört ­aussortiert?

Irrtum 1:  Die Börse ist ein Kasino

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Es war Frühjahr 2000, als die Internetblase platzte. Viele Anleger verloren im Laufe des anschließenden Kursverfalles viel Geld. Ruhe kehrte auch danach nicht ein. 2008 stürzte die US-Investmentbank Lehman Brothers in die Insolvenz und brachte das Finanzsystem ins Wanken. Nervosität und Schwankungen an den Aktienmärkten haben in der Folge stark zugenommen. Spekulanten setzen auf kleinste Kursbewegungen und können in Millisekunden viel Geld verdienen oder verlieren. Ist die Börse nichts weiter als ein Kasino?

Fakt ist: Die Börse ist ein Ort der Unternehmensfinanzierung. Vereinfacht ausgedrückt verkaufen Unternehmen Teile der Firma. Sie geben dafür Aktien als Anteilsscheine aus, die über die Börse gehandelt werden. Vorteil: Anders als bei Firmenkrediten erhalten die Unternehmen an der Börse Eigenkapital. Das unternehmerische Risiko wird also auf viele Schultern verteilt. Genauso die Ertragschance.

Kursschwankungen durch politische Ereignisse müssen Anleger aushalten. Langfristig aber kehrt der Kurs einer Aktie meist zum fairen Wert eines Unternehmens zurück. Fazit: Spekulationen sind an der Börse möglich, Aktionäre können aber auch investieren. Eine dynamische Volkswirtschaft braucht aber Aktionäre, um im internationalen Wettbewerb wachsen zu können.

Irrtum 2: Die Börse ist nur etwas für Reiche

Irrtum 2: Die Börse ist nur etwas für Reiche
© Karsten Petrat

Warren Buffett ist immer auf der Siegerseite – mit geschickten Transaktionen hat der Chef der Beteiligungsgesellschaft Berkshire Hathaway auch seine eigenen Milliarden vermehrt. Die Reichen können an der Börse verdienen – die Kleinen zahlen drauf?

Fakt ist: Über Gewinn und Verlust entscheidet nicht die Menge des eingesetzten Kapitals, sondern die Anlagestrategie. Die Börse ist im eigentlichen Sinne sogar demokratisch, denn jeder hat die Möglichkeit, bereits mit kleinem Einsatz zum Mit­eigentümer eines Unternehmens zu werden. Diese bereits von Karl Marx geforderte „Beteiligung am Produktivkapital“ eröffnet Ertragschancen, sie birgt – wie jedes unternehmerische Handeln – aber auch Risiken. Werden keine Gewinne erwirtschaftet oder macht das Unternehmen gar pleite, drohen Verluste bis hin zum Totalverlust.

Wer an den Aktienmärkten Rendite erzielen möchte, sollte deshalb nicht blind investieren. Eine gründliche Unternehmensanalyse ist bei Einzeltitelauswahl Pflicht. Breite Streuung reduziert die Risiken. Die ist mit Fonds oder ETFs bereits mit kleinem Geld möglich – zum Beispiel per Sparplan ab 25 Euro.

Irrtum 3: Aktionäre haben keinen Einfluss auf das Unternehmen

Irrtum 3: Aktionäre haben keinen Einfluss auf das Unternehmen
© Karsten Petrat

Aktionäre sind Miteigentümer am Unternehmen. Aber haben sie auch etwas zu sagen?

Fakt ist: Anteilseigner haben nicht nur ein Auskunftsrecht gegenüber dem Vorstand oder ein Bezugsrecht bei der Ausgabe neuer Aktien. Sie haben auch Stimmrechte auf der jährlich stattfindenden Hauptversammlung. Dort berichtet der Vorstand über den Geschäftsverlauf und gibt Rechenschaft über seine Tätigkeit ab. Die Hauptversammlung entlastet mit ihrem Votum Vorstand und Aufsichtsrat, wählt Mitglieder des Aufsichtsrates, entscheidet über die Verwendung des Gewinnes. Auch Kapitalerhöhungen oder Satzungsänderungen muss die Hauptversammlung zustimmen. Wie stark ein Investor Einfluss auf die Unternehmenspolitik nehmen kann, hängt davon ab, wie viele Anteile am Unternehmen er besitzt. Carl Icahn zum Beispiel gab über den Kurznachrichtendienst Twitter seinen milliardenschweren Einstieg bei Apple bekannt – und formulierte prompt Forderungen an Apple-Vorstand Tim Cook. Zwar hielt selbst Icahn, nach dem die Figur Gordon Gekko in dem legendären Film „Wall Street“ geformt wurde, weniger als 1 % der Anteile, doch seine Forderungen nach einem Rückkauf der Aktien zur Kursstabilisierung fanden Gehör. Apple startete ein milliardenschweres Rückkauf-Programm, an dem Aktionäre gut verdienten. Das bewahrte die Tech-Schmiede allerdings nicht vor Aktienverkäufen: Icahn stieg im April bei Apple aus, womit er widerum Einfluss nahm, weil der Ausstieg des Großinvestors das Vertrauen ins Unternehmen erschütterte.

Ein „kleiner“ Aktionär hat diese Macht natürlich nicht. Aber er kann sich mit anderen zusammenschließen und Stimmen bündeln. Unter dem Strich haben Aktionäre eine Lenkungsfunktion: Sie können mit ihren Investments darüber entscheiden, in welche Bereiche der Wirtschaft Geld fließt, und aktiv auch Ziele wie etwa Nachhaltigkeit verfolgen.