Jochen Rudat ist Deutschland-Chef von Tesla Motors. Der Wirtschaftsingenieur ist seit 2009 im Unternehmen und baute das Europa­geschäft mit auf

Interview
Strom gibt es gratis dazu

Elektromobilität wird sich durchsetzen, ist Jochen Rudat überzeugt. Im Interview erklärt der Deutschland-Chef von Tesla, warum es für ihn keine Alternativen zur E-Mobilität gibt.

compass: Trotz Energiewende scheint die Elektromobilität in Deutschland auf der Strecke zu bleiben. Halten Sie das Ziel der Bundesregierung, bis 2020 rund eine Million Elektroautos auf die Straße zu bringen, für realistisch?
Jochen Rudat: Aber sicher, das ist absolut machbar.

compass: Trotz eines zuletzt kurzen Anzuges beim Absatz von Elektroautos bleibt aber der Anteil an den Neuzulassungen unter 1 % und damit verschwindend gering. Daimler hat die Produktion des Elektro-Smarts im vergangenen Jahr sogar ausgesetzt, sie laufen erst ab Herbst wieder vom Band. Woran liegt’s?
Jochen Rudat: Dem halte ich entgegen, dass Tesla bereits im ersten Halbjahr 2015 so viele Autos in Deutschland verkauft hat wie im gesamten Vorjahr. Und auch im dritten Quartal ­haben wir im Vergleich zum Vorjahr deutlich zugelegt. Der Trend ist eindeutig und gar nicht aufzuhalten. Die bisher schwache ­Gesamtnachfrage in Deutschland hat meines Erachtens zwei Gründe. Zum einen bringen viele Autobauer keine langstreckentauglichen Elektroautos, sondern Stadtfahrzeuge mit geringen Reichweiten auf den Markt. Wir sind der Meinung, ein Elektroauto muss ein vollwertiger Ersatz sein oder sogar besser als ein Auto mit Verbrennungsmotor. Zum anderen werden kaum Anreize von der Regierung gesetzt.

compass: Braucht E-Mobilität Subventionen?
Jochen Rudat: Tesla nicht, wir können unseren Absatz in Deutschland auch ohne Staatshilfe steigern und sind im Oberklassesegment inzwischen Nummer drei. In der Schweiz ist der Tesla sogar der am häufigsten verkaufte Ober­klassewagen – ebenfalls ganz ohne Subventionen und mit 50 % Abstand zum nächsten Wettbewerber. Deutsche Hersteller aber haben es schwerer, denn sie müssen Volumina machen. Wenn die deutsche Regierung an Elektromobilität glaubt, sollte sie handeln. Sonst könnten deutsche Anbieter den Anschluss verpassen.

compass: Sind andere Länder da weiter?
Jochen Rudat: In den meisten Ländern wird E-Mobilität vom Staat gefördert. In Frankreich zahlt der Staat einen Umweltbonus in Höhe von mehreren Tausend Euro und erlässt einen Teil der Kfz-Steuer. In Dänemark sparen Käufer von E-Autos die Zulassungsabgabe, die bei Oberklassewagen mit Verbrennungsmotor bis zu 180 % beträgt. In Norwegen gewährt der Staat zahlreiche Vergünstigungen. Dort ist bereits jede fünfte Neuzulassung ein Elektroauto.

© Stefan Jermann

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„Wenn Milliarden Menschen mobil bleiben wollen, ohne den Planeten zu zerstören, ist Elektromobilität ­alternativlos“ - Jochen Rudat ist Deutschland-Chef von Tesla Motors

compass: Auch in Deutschland zahlen Käufer von Elektroautos keine KFZ-Steuer. Erwarten Sie mehr Rückenwind durch den VW-Abgasskandal?
Jochen Rudat: Bereits vor dem Abgasskandal hat die Bundesregierung eine zusätzliche Förderung der Elektromobilität angekündigt. Möglich, dass nun etwas mehr Bewegung in die politische Diskussion kommt.* Wir bei Tesla betrachten den Abgasskandal bei VW nicht mit Häme, aber wir sehen uns natürlich in unserer Einschätzung bestätigt, dass Verbrennungsmotoren an ihre Grenzen stoßen und nicht zukunftsfähig sind.

compass: Zuletzt kamen aus dem Hause Tesla nicht nur gute Nachrichten. Das einflussreiche US-Verbrauchermagazin „­Consumer Reports“ hat seine Spitzenbewertung für den Tesla S zurückgezogen, nachdem Kunden über Mängel geklagt hatten. Die Börsen haben mit einem Kursrutsch reagiert.
Jochen Rudat: Man muss sich den Report im Detail ansehen. Das Kunden-Feedback bezog sich auf ältere Autos, die genannten technischen Probleme sind längst behoben. Darüber hinaus gaben 97 % der Befragten an, sich wieder einen Tesla zu kaufen. Das ist ein Traumwert, so unzufrieden können die Kunden also gar nicht sein.

compass: Investoren machen sich auch über die Kapitalausstattung Sorgen. Trotz Umsatzplus schloss Tesla das dritte Quartal im vergangenen Jahr mit 230 Millionen US-Dollar minus ab. Bereits im ersten Halbjahr hatte Tesla mit jedem verkauften Model S rund 4.000 US-Dollar Miese eingefahren. Wie lange geht das gut?
Jochen Rudat: Angesichts der hohen Investitionen würde ich sagen: 4.000 US-Dollar sind nicht viel. Auch auf das Minus im dritten Quartal haben Investoren positiv reagiert, denn sie verstehen, dass wir eine ganz klare Strategie verfolgen, an die wir glauben und die uns Unabhängigkeit garantiert. Das ist kapitalintensiv, aber gleichzeitig unsere Erfolgsgarantie.

compass: Können Sie das näher erklären?
Jochen Rudat: Wir haben in die Entwicklung von Modellen investiert. Das neue Tesla-SUV wurde im Herbst in den USA erfolgreich präsentiert und wird im Frühjahr auch in Europa auf den Markt kommen. Um die Technologie allen zugänglich zu machen, entwickeln wir zudem ein Elektroauto im mittleren Preissegment, das spätestens 2017 auf den Markt kommen soll. Darüber hinaus bauen wir flächendeckend ein eigenes Vertriebsnetzwerk, Servicestellen und eine Ladeinfrastruktur auf. An wichtigen Verkehrsachsen stehen Supercharger bereit, an denen Kunden ihre Autos kostenlos aufladen können. All das kostet Geld, bewahrt uns aber die Unabhängigkeit. Wir müssen anders als andere Automobilproduzenten weder auf das Können noch auf die Gunst von Zulieferern oder Händlern warten.

compass: Das SUV, das Model X, kommt mit ­seinen Flügeltüren futuristisch daher. Wäre es nicht sinnvoller gewesen, erst die Pflicht und dann die Kür zu ­präsentieren?
Jochen Rudat: Man muss das Konzept des Model X verstehen. Die Flügeltüren sind ja kein Schnickschnack, sondern sie sorgen für ein Mehr an Funktionalität und Komfort. Man kann quasi aufrecht in sein Auto einsteigen, bequem alles ein- und ausladen oder Kindersitze befestigen. Und man muss keine Angst haben, dass Kinder die Tür beim Aussteigen gegen ein anderes Auto hauen – Familien werden das zu schätzen wissen.

compass: Deutsche Autobauer setzen seit Jahren stark auf China. Hat Tesla dort den Einstieg verschlafen?
Jochen Rudat: Wir haben erst vor Kurzem damit begonnen, in China ein Netz aufzubauen. So etwas dauert. Aber wir sind sehr optimistisch, zumal wir bereits jetzt starkes Wachstum sehen. Aufgrund der drückenden Umweltprobleme dort sind Elektro­antriebe gegenüber Verbrennungsmotoren sicherlich im Vorteil.

Tesla-Fahrer tanken europaweit an mehr als 3.000 ­Superchargern gratis. Im Frühjahr kommt das SUV in Euro­pa auf den Markt Tesla-Fahrer tanken europaweit an mehr als 3.000 ­Superchargern gratis. Im Frühjahr kommt das SUV in Euro­pa auf den Markt
© Tesla

Tesla-Fahrer tanken europaweit an mehr als 3.000 ­Superchargern gratis. Im Frühjahr kommt das SUV in Euro­pa auf den Markt

compass: Eine Studie des Umwelt- und Prognose-Instituts (UPI) belegt, dass Elektroautos in Deutschland fast gleich viel CO2-Emissionen wie Benzin- oder Dieselfahrzeuge verursachen – ­vor allem wegen des Strommix, der für die ­Ladung der Autos zur Verfügung steht.
Jochen Rudat: Wir kennen die Studien, und natürlich ­haben wir keinen Einfluss auf den Energie­mix in den einzelnen Ländern. Aber glauben Sie mir: Wer einen Tesla fährt, hat oftmals auch eine Solaranlage auf dem Dach oder bezieht vom Energieanbieter grünen Strom.

compass: Tesla baut in Nevada eine riesige Fabrik für Lithium-Ionen-Akkus, die Milliarden verschlingen wird. Woher soll das Geld kommen?
Jochen Rudat: Wir haben den Großteil per Kapital­erhöhung finanziert. Ich bin mir übrigens sicher, dass es immer genug Investoren geben wird, die wie wir an die Zukunft der E-Mobilität und an das langfristige Poten­zial von Tesla glauben.

compass: Will Tesla mit der Gigafactory vom Autobauer zum Energieversorger werden?
Jochen Rudat: Die Akkutechnologie ist das, was uns zentral von anderen Automobilproduzenten unterscheidet. Batterien sind deshalb von strategischer Bedeutung für das Unternehmen. Gleichzeitig verfolgen wir aber auch das Ziel, das Wirtschaftswachstum von umweltschädlichen CO2-Emissionen zu entkoppeln und die Umweltbilanz zu verbessern. Denken Sie an China. Wenn Milliarden Menschen mobil bleiben wollen, ohne den Planeten zu zerstören, ist Elektromobilität alternativlos. Wir sind davon überzeugt, dass der weltweite Energie­bedarf allein über erneuerbare Energien wie Wind-, Wasser- oder Sonnenenergie zu decken ist. Und dafür braucht man keine Stromtrassen, die Energie durch das Land transportieren, sondern eine gute Speichertechnologie.

compass: Welches Potenzial sehen Sie im Geschäft mit den sogenannten Powerwalls?
Jochen Rudat: Auf Netzebene sorgen Stromspeicher für stabile Netze, also dafür, dass Energie zu jeder Zeit und überall verfügbar ist. Die Powerwalls sind Batterien, die Energie vor Ort speichern und die Nutzer zu 100 % unabhängig machen. Sie investieren einmal in eine Fotovoltaikanlage und in die Powerwall – und das war’s. Strom wird fortan quasi emissionsfrei zum Nulltarif produziert. Solche Systeme lassen sich mit intelligenten Vernetzungen im Haushalt kombinieren. Das Potenzial ist immens, und wir sind hervorragend aufgestellt.

compass: Skeptiker befürchten, dass sich Tesla mit der Doppelstrategie übernehmen könnte. Gibt es mehr Fantasie als Substanz?
Jochen Rudat: Tesla ist bereits 20-mal totgesagt worden, das kennen wir. Aber wir haben einen Reifegrad erreicht, der auch die Skeptiker nachdenklich stimmen müsste. Ob beim Bezahlsystem PayPal, dem Solarstrom­unternehmen SolarCity, dem Raumfahrtunternehmen SpaceX oder aber Tesla: Bei all seinen Unternehmungen hat Tesla-­Vorstand Elon Musk die Märkte neu gedacht. Und bekanntlich ist es nie nur bei Visionen geblieben.

* Anmerkung der Redaktion: Die Bundesregierung hat inzwischen gehandelt und ein Maßnahmen-Paket zur Förderung der Elektromobilität beschlossen. Ab Mai gibt es eine Kaufprämie von 4.000 Euro für E-Autos und 3.000 Euro für Plug-In-Hybride, zudem sind E-Autos zehn Jahre lang von der KFZ-Steuer befreit.