compass Interview mit Bert Rürup

Durchblick
Auf die Mischung kommt es an

Professor Dr. Bert Rürup

ist Präsident des Handelsblatt Research Institute und Chefökonom des „Handelsblatt“. Der emeritierte Ökonomieprofessor und frühere Wirtschaftsweise ist ausgewiesener Rentenexperte und Politikberater. Nach ihm wurde die Rürup-Rente benannt.

Welche Zukunft hat die Rente? Was müsste verändert werden? Und wie können Berufstätige heute sinnvoll fürs Alter vorsorgen? Professor Dr. Bert Rürup im Gespräch mit compass Chefredakteur Thomas Licher und Birgit Wetjen.

compass: Herr Professor Rürup, die gesetzliche Rente ist unabhängig von Kapitalmarktkapriolen und dem Niedrigzins. Ist sie besser als ihr Ruf?
Professor Dr. Bert Rürup: Die gesetzliche Rente bringt im Schnitt 3 % Rendite auf das eingezahlte Kapital und ist damit aktuell kaum zu schlagen. Aber vor 15 Jahren wurde die Riester-Rente eingeführt, um neben dem Umlageverfahren auch eine kapitalbasierte Altersvorsorge zu schaffen.

compass: Ein Fehler?
Professor Dr. Bert Rürup: Nein. Als die Reformen beschlossen wurden, schwächelte die Wirtschaft, die Arbeitslosigkeit war hoch und die Lohndynamik gering. Aber am Kapitalmarkt wurden hohe Zinsen gezahlt. Heute ist die Situation eine andere. Wir haben eine Rekordbeschäftigung, es gab noch nie so viele sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. Gleichzeitig gibt es auf halbwegs sichere Anlagen nur lausige Zinsen, und seit 2005 herrscht eine demografische Pause, das heißt, es gibt aktuell keine Alterung. Alles zusammen sind dies ideale Bedingungen für ein Umlagesystem. Aber die Zeiten können und werden sich wieder ändern.

compass: Welches System ist denn unter dem Strich besser?
Professor Dr. Bert Rürup: Ein perfektes System gibt es nicht, Risiken bestehen beim Umlagesystem wie bei kapitalgedeckten Renten. Unstrittig ist deshalb, dass eine Kombination aus einer soliden, umlagefinanzierten Säule und kapitalgedeckten Ergänzungssystemen das Beste ist. Nur auf die Frage, was das richtige Mischungsverhältnis ist, gibt es keine Antwort, weil sich die Rahmenbedingungen eben häufig ändern.

compass: Aktuell altert die Gesellschaft nicht. Wurde die Demografie, die lange als größtes Risiko für die Stabilität der gesetzlichen Rente galt, komplett überbewertet?
Professor Dr. Bert Rürup: Derzeit befindet sich Deutschland in einer demografischen Pause. Zum einen, weil mehr und mehr Frauen arbeiten und die Freizügigkeit in Europa es vielen Arbeitskräften aus anderen EU-Staaten ermöglichte, in Deutschland zu arbeiten. Zum anderen stehen die Babyboomer, also die zwischen 1955 und 1969 Geborenen, noch im Erwerbsleben. Denn wichtiger als die Demografie ist die Erwerbsquote, das heißt der Anteil der Beschäftigten an der Gesamtbevölkerung. Dennoch stehen der gesetzlichen Rente zwischen 2020 und 2040 schwierige Zeiten bevor, denn dann werden die Babyboomer in Rente gehen, sodass es einen massiven Alterungsschub geben wird. Und die Lebenserwartung der Bevölkerung steigt weiter, die Rente muss also länger gezahlt werden.

compass: Schon jetzt fordert die Bundesbank, das Renteneintrittsalter auf 69 Jahre zu erhöhen …
Professor Dr. Bert Rürup: Darüber kann man diskutieren, aber zum jetzigen Zeitpunkt ist so eine Anhebung überflüssig. Genauso falsch aber war es, angesichts voller Rentenkassen klientelspezifische Geschenke zu verteilen wie die Rente ab 63 oder die Mütterrente. Insbesondere die Mütterrente hätte aus Steuermitteln finanziert werden müssen.

Bert Rürup

© Dominik Pietsch

„Es ist ein Mythos, dass sich der Lebensstandard durch die gesetzlich Rente halten lässt.“

Professor Dr. Bert Rürup

compass: Könnte das System stabilisiert werden, indem die Rente auch für Selbstständige und Beamte zur Pflichtversicherung wird?
Professor Dr. Bert Rürup: Das erhöht zunächst die Einnahmen, aber es entstehen auch Rentenansprüche, die später bedient werden müssen. Durch eine Verbreiterung der Basis kauft man sich daher nur Zeit.

compass: Was würden Sie denn empfehlen, um das System zukunftsfähig zu machen?
Professor Dr. Bert Rürup: Die gesetzliche Rente folgt heute dem Äquivalenzprinzip. Das heißt: Wer wenig verdient, bekommt auch nur eine kleine Rente. Umverteilung von hohen zu kleinen Einkommen ist – anders als in den meisten OECD-Staaten – in unserem System nicht vorgesehen. Allerdings haben wir heute aus beschäftigungspolitischen Gründen einen großen Niedriglohnsektor etabliert, und es gibt viele atypische Arbeitsverhältnisse. Darauf sollte die Politik reagieren. Wer lange Zeit zu einem geringen Lohn arbeitet, sollte im Alter nicht auf die Fürsorge angewiesen sein.

compass: Worauf müssen sich Beschäftigte einstellen?
Professor Dr. Bert Rürup: Es ist ein Mythos, dass sich der Lebensstandard allein durch die gesetzliche Rente halten lässt. Das war in der Vergangenheit nicht der Fall und ist es erst recht heute nicht. Dies hängt mit dem Äquivalenzprinzip zusammen, nach dem das gering vergütete erste Ausbildungsjahr die gleiche Bedeutung für die Höhe der Rente hat wie das letzte Jahr vor Renteneintritt. Mit steigendem Lebensalter wächst in der Regel aber das Einkommen, und der im Alter gewünschte Konsumstandard wird durch das in den letzten Berufsjahren bezogene Gehalt bestimmt. Wer sich im Alter nicht deutlich einschränken will, muss also zusätzlich vorsorgen. Ein wichtiger Pfeiler ist dabei die betriebliche Altersversorgung, weil Kollektivverträge in der Regel günstiger als private Individualverträge sind.

compass: Eignen sich Aktien für die Altersvorsorge?
Professor Dr. Bert Rürup: Man muss zwischen Altersversorgung und Vermögensaufbau unterscheiden. Eine Altersversorgung deckt den Einkommensbedarf für die unbekannte Zeitspanne zwischen dem Ausscheiden aus dem Beruf und dem Tod ab. Das zur Absicherung dieses sogenannten Langlebigkeitsrisikos erforderliche Vermögen lässt sich in der Regel nicht vererben. Wer das Geld im Alter für sich oder andere braucht, könnte in Lebenszyklusmodelle investieren, die das mit rentablen Anlagen verbundene höhere Risiko mit zunehmender Laufzeit reduzieren.

compass: Und was würden Sie einem heute 30-Jährigen empfehlen?
Professor Dr. Bert Rürup: Je jünger, desto mehr Aktien, aber bitte breit gestreut. Deutschland ist ein reiches Land, doch das Vermögen der einzelnen Bürger ist im Vergleich zu dem der Einwohner anderer westeuropäischer Staaten recht gering. Das liegt nicht zuletzt am geringen Immobilienbesitz, aber auch an der Vorliebe für Versicherungen und Festgeld. Bei Niedrigzinsen kommt die Deutschen diese Vorliebe teuer zu stehen. Seit Platzen der Internetblase halten viele die Börse für ein Kasino. Aber so ist es nicht. Aktien schwanken, aber bringen langfristig die beste Rendite.

compass Interview mit Bert Rürup
© Dominik Pietsch

Professor Dr. Bert Rürup im Gespräch mit compass Chefredakteur Thomas Licher und Birgit Wetjen.