Großbritannien
Friedliche Scheidung?

Die Brexit-Verhandlungen haben begonnen. Ist ein harter Brexit nach der Wahlschlappe von Theresa May vom Tisch?

Fast genau ein Jahr ist es her, dass die Briten per Referendum für einen Ausstieg aus der EU votiert hatten. Regierungschefin Theresa May war zu harten Verhandlungen entschlossen und sogar bereit, die Scheidung ganz ohne Vertrag zu vollziehen, wenn es zu keiner Einigung mit den europäischen Partnern kommt. Aus und vorbei. Nach der Schlappe bei den von May selbst initiierten vorgezogenen Neuwahlen hat ihre konservative Partei die absolute Mehrheit im Unterhaus und damit auch die Rückendeckung für einen harten Brexit-Kurs verloren. Zum Auftakt der Scheidungsgespräche jedenfalls waren Brexit-Minister David Davis und EU-Chefunterhändler Michel Barnier auf Schmusekurs. Die Rednerpulte wurden gar dichter aneinander gerückt, um zu verkünden, dass man sich auf einen Zeitplan für die anstehenden Verhandlungen geeinigt habe.

Unklare Mehrheitsverhältnisse im britischen Unterhaus bringen Unsicherheit. „Und Märkte verabscheuen Unsicherheit“, ist auch Carsten Roemheld, Kapitalmarktstratege bei Fidelity International, überzeugt. Als Reaktion werde es zu einem Auf und Ab an den Devisen- und Kapitalmärkten kommen. Bereits nach Bekanntgabe der ersten Prognosen ging das Britische Pfund auf Talfahrt, binnen Sekunden hatte die Inselwährung 1,7 % gegenüber dem Euro an Wert verloren. Auch gegenüber dem US-Dollar hat das Pfund um mehr als 2 % eingebüßt.

David Docherty, Fondsmanager für britische Aktien bei Schroders, erwartet deshalb eine Flucht in robuste britische Unternehmen, die Gewinne im Ausland erwirtschaften. Stark konjunkturabhängige, heimische Konsumgüterunternehmen wie Einzelhandelsunternehmen mit breitem Sortiment könnten nach seiner Einschätzung dagegen unter einem schwächer werdenden Pfund zu leiden haben. „Wechselkursveränderungen wirken sich auf ihre Gewinn-Margen und die real verfügbaren Einkommen ihrer Kunden aus“, so Docherty. „Inländische Finanztitel wie Aktien von Banken, Wohnungsbau- und sonstigen Immobilienunternehmen könnten ebenfalls nachgeben.”

Verhandlungsposition geschwächt

Die britische Regierungschefin wollte ihre Verhandlungsposition gegenüber Brüssel durch Neuwahlen stärken. Die Rechnung ging nicht auf, Theresa May geht geschwächt aus den Wahlen hervor. „Mit dem Wahlergebnis ist ein harter Brexit unwahrscheinlicher geworden“, glaubt Axel-Adrian Roestel, Leiter Portfoliomanagement bei der Münchner Huber, Reuss & Kollegen Vermögensverwaltung. „Die Briten werden mehr Kompromisse bezüglich der Personenfreizügigkeit und des Handels von Waren und Dienstleistungen akzeptieren müssen.“

Für Exporteure aus den EU-Mitgliedsstaaten und vor allem aus Deutschland könnte sich eine Abkehr von der harten Lösung als Vorteil erweisen. Für deutsche Unternehmen ist Großbritannien nach den Vereinigten Staaten und Frankreich der wichtigste Absatzmarkt – sie haben im vergangenen Jahr Güter im Wert von 86 Milliarden Euro auf der Insel verkauft. „Insbesondere die deutsche Automobilindustrie könnte von einer Einigung ohne Handelshemmnisse profitieren“, so Roestel.

Der Druck auf Regierungschefin May wächst. Die Preise in Großbritannien sind im Mai im Vergleich zum Vorjahr um 2,9 % gestiegen, die höchste Inflationsrate seit fast vier Jahren. Die Bürger bekommen die Folgen der Politik also unmittelbar im Portemonnaie zu spüren. Käme es zum harten Brexit, müssten die Briten 759 Vereinbarungen mit 168 Ländern neu aushandeln. Nach einer gerade veröffentlichten Studie des ifo Instituts im Auftrag der Bundesregierung würde die Wirtschaft der Insel bei einem harten Brexit langfristig um 1,7 % schrumpfen. Einigten sich beide Seiten dagegen auf ein umfassendes Freihandelsabkommen, läge das Minus beim Bruttoinlandsprodukt nur bei 0,6 %.

Dass die Briten ohne Vertrag aus der EU ausscheiden werden, glaubt Roestel nicht. „Das würden die Wähler bei der nächsten Wahl abstrafen“, ist der Portfoliomanager überzeugt.

Ruhe bewahren

Bis sich eine Regierung in Großbritannien gebildet hat, dürften Marktakteure mit wichtigen Anlageentscheidungen warten, glaubt Kapitalmarktstratege Roemheld von Fidelity. Adrian Roestel empfiehlt Anlegern, Ruhe zu bewahren und ihren Blick verstärkt auf Unternehmensergebnisse und Konjunkturdaten zu richten. „Und da sieht es aktuell sehr gut aus.“ So seien die Gewinne der US-Unternehmen im ersten Quartal um rund 15 % gewachsen, in Europa lag das Plus inklusive Energie sogar bei über 30 %.

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