Das Ergebnis des Referendums war knapp, aber eindeutig: Die Briten werden die EU verlassen. Welche Auswirkungen hat die Entscheidung?

Brexit-Ergebnis
Briten verlassen die EU

Die Briten haben es wirklich getan. Kaum jemand auf dem europäischen Festland hatte nach den letzten Umfragen mit diesem Ausgang des Brexit-Votums gerechnet. Aber 51,9 % der Briten haben am 23 Juni für „Leave“ gestimmt, den Ausstieg aus der Europäischen Union. Der britische Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, John Cryan, ist geschockt: „Die Konsequenzen lassen sich noch nicht vollständig absehen. Sie werden aber für alle Seiten negativ sein. Es schmerzt mich, dass Europa für viele meiner Landsleute offenbar an Attraktivität verloren hat.“ In der Tat werden die Auswirkungen des Ausstiegs deutlich sein – in der Politik, in der Wirtschaft und an den Aktien und Währungsmärkten.

Politik: Cameron tritt zurück

Premierminister Cameron hatte das Referendum 2013 vorgeschlagen, um EU-Kritiker bei den Torys ruhigzustellen. Damit hat er sich verzockt - und folgerichtig am Freitag seinen Rücktritt zum Oktober erklärt. Wer an seine Stelle tritt, ist noch unklar. Es dürfte wohl jemand sein, der bei der Brexit-Abstimmung im Gewinnerlager war. Zumindest wäre es nur konsequent, wenn sich einer der vermeintlichen „Sieger“ mit den Folgen des Austrittsbeschlusses beschäftigen muss. Denn die dürften viel Arbeit bedeuten.

„Was Dich nicht umbringt, macht Dich stärker“, erklärte der EU-Ratspräsident Donald Tusk in der Brexit-Nacht. Auch nach dem Brexit bleiben die EU-Regeln für Großbritannien zwei weitere Jahre in Kraft. London behält sogar vorerst die Posten in der Verwaltung.

Der neue britische Premier wird sich darauf einstellen müssen, an zwei Fronten zu kämpfen. EU-Befürworter in Schottland und auch Nordirland könnten Unabhängigkeitsreferenden einfordern. Dies ist umso wahrscheinlicher, weil die Briten bei den Verhandlungen über künftige Zusammenarbeit von der EU kaum Milde erwarten dürfen – allein schon, weil Brüssel rechtspopulistische Nachahmer in Frankreich oder den Niederlanden von Volksabstimmungen abhalten will. Den Verhandlungsergebnissen der europäischen Einrichtungen müssen alle EU-Mitglieder noch zustimmen. Es dürfte bis nach 2020 dauern, bevor die Verhältnisse zwischen Großbritannien und den EU-Ländern auf neuen festen Füßen stehen.

Wirtschaft: Wohlfahrtsverluste vor allem auf der Insel

Ökonomisch steht für Großbritannien nach dem Brexit viel auf dem Spiel. Eine Studie im Auftrag des Industrieverbands CBI geht davon aus, dass die gesamte britische Wirtschaftskraft bis 2020 im schlechtesten Szenario um 5,5 % geringer ausfallen könnte als bei einem Verbleib in der EU. Das entspräche Kosten von rund 100 Milliarden Pfund, 950.000 Arbeitsplätze wären in Gefahr. Ökonomen der OECD sehen die Wirtschaftskraft Großbritanniens im Jahr 2020 um rund 3 % geringer als bei einem Verbleib in der EU. Bis 2030 würde diese Kluft aber auf über 5 % anwachsen, heißt es in einer Studie. Die Kosten kämen einer Sondersteuer gleich und würden jeden britischen Haushalt jährlich mit 4.300 Pfund (5.400 Euro) belasten.

„Vor allem der Faktor Unsicherheit könnte noch stark auf der britischen Wirtschaft lasten“, meint Didier Borowski, Global Head of Research bei Amundi: Angstsparen, Investitionsstau und geringerer Kapitalzufluss könnten die britische Wirtschaft nachhaltig bremsen. Einen fatalen langfristigen Kollateralschaden für die anderen Länder der EU befürchtet Robert Halver, der die Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank verantwortet. Zudem könne eine schlechter werdende (wirtschafts-)politische EU-Stimmung Investoren und Konsumenten veranlassen, ihr Portemonnaie zuzu­nageln und zunächst einmal abzuwarten, so Halver. „Und Abwarten ist das Schlimm­ste, was man einer Konjunktur antun kann.“

Börsen: Turbulenzen bei Währungen und Aktien

Volkmar Baur, Anlagestratege der Deutschen Bank, konnten die Turbulenzen am Brexit-Morgen nicht überraschen: „Marktteilnehmer kommen mit abschätzbaren Risiken zurecht. Den Austritt eines vollwertigen EU-Mitglieds hat es noch nie gegeben - die damit verbundenen Unsicherheiten sind unkalkulierbar.“ Die stärksten Ausschläge wurden am Devisenmarkt registriert. Bereits im Vorfeld des Referen­dums hatte  das Britische Pfund gegenüber US-Dollar und Euro stark geschwankt. Sonja Marten, Währungsexpertin bei der DZ Bank, schließt nach der Ankündigung des Sturzes der Regierung von Premierminister David Cameron mittelfristig eine Parität zum Euro nicht aus. Gegenüber dem US-Dollar fiel das Pfund zweistellig auf 1,33 Dollar – den niedrigsten Stand seit 1985.

Die europäischen Aktienmärkte verloren einen Tag nach der Abstimmung zu Handelsbeginn teils zweistellig. London als Finanzzentrum und die gesamte Finanzindustrie litten besonders. Insgesamt brach die Börse in London zu Handelsbeginn um 8 % ein – der stärkste Auftaktverlust seit der Finanzkrise. Der DAX gab zu Handelsbeginn sogar um 10 % nach, erholte sich aber im Tagesverlauf  etwas. Auch in Frankfurt verloren die Finanzwerte und die exportstarke Automobilindustrie besonders stark. „Das Minus ist vor allem deshalb so hoch ausgefallen, weil die Kurse in den letzten Tagen in Erwartung des „stay“ gestiegen waren“, erklärt der Kölner Vermögensverwalter Winfried Walter.

Die nächsten Tage dürften volatil bleiben. Volkmar Baur erwartet, dass sich viele Anleger zunächst weiter aus Aktien und anderen risikobehafteten Anlagen zurückziehen. Danach sollten sich die Märkte neu sortieren. Langfristig orientierte Anleger könnten die Korrekturen nach einem Brexit für einen Einstieg nutzen. Große Unternehmen der Insel haben Währungsrisiken vor der Entscheidung mehrheitlich abgesichert und könnten mittel- bis langfristig sogar zu den Gewinnern eines Brexits gehören. Die im FTSE-100 gebündelten Unternehmen etwa haben einen Exportanteil von 80 %. Ein schwaches Pfund dürfte den Absatz beflügeln, weil die Pro­dukte im Aus­land günstiger angeboten werden könnten.

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